Die letzte Lesung im SprachCafé – mit Brigitte Helbig – brachte bekannte Themen neu hervor: die Wurzeln, die Sprache, die Identität. „Kleine Himmel“ heißt die vor kurzem erschienene (Klak-Verlag, Berlin) deutsche Fassung des Romans „Niebko“ (WAB, Warszawa 2013).

Gemeint sind Kostbarkeiten, Schätze, wertvolle Sachen, all das, was bewahrt werden möchte. Ein beliebtes Kinderspiel in der Kindheit der Buchautorin und ihrer Zeitgenoss*innen trug den gleichen Namen. Kann sich jemand von Euch noch daran erinnern?

„…die Autorin nimmt uns in wunderbar poetischer und ironischer Sprache auf die Suche nach den Wunden und verborgenen Schätzen ihrer Wurzeln mit, eingebettet in die Nachbeben mitteleuropäischer Geschichte. Das Thema des Romans sind u.a. psychologische Konsequenzen der Kriegstraumata, der Umsiedlungen und Vertreibungen.
Neben Galiziendeutschen und ihrer Geschichte, die sich im Bieszczady-Gebirge und in Warthegau abspielt, gehören Polen aus den Ostgebieten und das Nachkriegsstettin zu den wichtigsten Protagonisten des Romans.“

Der Roman ist stark autobiografisch geprägt, aber doch nicht nur ausschließlich auf die Person Brigitte Helbig bezogen! Wie viele von uns fühlen sich in die Geschichte ihrer Vorfahren miteinbezogen! Es ist die europäische, genauer gesagt, osteuropäische Geschichte, die im Roman geschildert wird – mit all ihren Auswirkungen auf alle späteren Generationen. Auch auf uns selbst heute und unsere Nachkommen.

Es handelt sich um psychologische Konsequenzen der Kriegstraumata, der Umsiedlungen und Vertreibungen von Ost nach West, der Verschleppung von Kresy nach Kasachstan. In manchen Fällen gehörte und gehört lebenslanges Schweigen und mit Leid erfüllte Stille auch dazu.

Zuzanna, eine Protagonistin, die inzwischen in Deutschland lebt und ihre Wurzeln erst jetzt entdeckt, erzählt davon.

Kommt Euch das alles nicht bekannt vor?

„Kleine Himmel“ ist für Brygida Helbig all das, was für sie zutiefst geheimnisvoll war und ist, was im Leben einen essenziellen Stellenwert hat und was sie unbedingt bewahren möchte, obwohl sie, wie auch ihre Vorfahren, nicht über das Weltgeschehen Macht hatte. Auf jeden Fall sind es wahre Schätze: die Wurzeln, die Sprache, die Identität!

Der Roman lädt auf jeden Fall dazu ein, in eigener Familiengeschichte die Zeit zurückzuverfolgen und auf Entdeckungsreise nach eigenen wahren Schätzen zu gehen.

Es lohnt sich in eingestaubte, vielleicht auf dem Dachboden seit Jahren eingelagerte Fotoalben herein zuschauen. Es lohnt sich, für ein gutes Gesprächsklima mit den ältesten Familienmitgliedern oder auch Verwandten zu sorgen und ihnen ein paar klare Fragen zu stellen. Ja, es lohnt sich.

Und das, obwohl die europäische Geschichte nicht einfach war und unsere Lebenswege nicht immer gerade verliefen, und die meisten Biografien so unterschiedlich geprägt sind – mit diversen Grautönen im Nacherzählmodus, nicht nur in ihrer schwarz-weißen Betrachtung.

Die über zweitausendjährige Geschichte der Migrationen gestaltete unsere Wurzeln, ließ unsere Sprache(n) sprechen und die Identität(en) herauskristallisieren. Bei jedem von uns auf eigene Art. Was sind Deine Wurzeln? Was ist/sind Deine Sprache(n)? Was macht Deine Identität(en) aus?

Es sind wahre Schätze. Wie einzigartig! Es sind einfach Eure kleinen Himmel…