Fachwissen erweitern, Fachwissen teilen, Fachwissen anwenden – sind wichtige Ziele des Projektes „Gelebte Mehrsprachigkeit“.

Zum Internationalen Tag der Sprachen am 26.09.2018 fand im Rathaus Pankow ein Fachtag statt: „Sprache für Gesundheit, Gesundheit für Sprachen – Mehrsprachigkeit im frühkindlichen Bereich und Gesundheitssystem“ – mit großem Erfolg!

Das hiesige Gesundheitswesen wurde unter die Lupe genommen, dabei wurden Herausforderungen in Bezug auf Mehrsprachigkeit diskutiert. Denn es ist wichtig, mögliche Stolpersteine z.B. bei den Einschulungsuntersuchungen anzusprechen sowie den Informationsbedarf für Eltern mehrsprachiger Kinder zu klären.

Das Expert*innenwissen mit der Praxis diverser Akteure beim Fachtag zusammenzubringen war das Ziel, um das Mögliche und das Machbare herauszukristallisieren.

Was bedeutet das konkret für mehrsprachige Familien? Mit der Schwangerschaft kommen nämlich meistens die ersten Fragen in Bezug auf die Sprachen, die in der jeweiligen Familie und Community gesprochen werden. Wie kommuniziere ich mit dem noch Ungeborenen? Wie kommuniziert mein(e) Partner*in mit ihm? Wie kommunizieren wir alle in der Familie mit dem Ungeborenen und wie kommunizieren wir untereinander? Was ist die Familiensprache? Was sind die Familiensprachen? Denn für die neue Situation zu Hause und für alle Angehörigen ist es wichtig, Klarheit zu schaffen. Von dieser wird das neue Familienmitglied profitieren, die Angehörigen auch!

Ein ist ein wichtiger Moment, denn es bleibt dann noch wenig Zeit, um Dinge zu erwägen, um sich zu positionieren, um zu entscheiden. Ein bewusstes und erfülltes Leben wünschen wir uns alle, mit gegenseitigem Respekt für all das, was jeder von uns mitbringt, und mit Wertschätzung füreinander.

Die Zeit der Schwangerschaft bringt meistens die ersten Konfrontationen mit dem Phänomen Mehrsprachigkeit mit sich. Denn Frauenarzt/-ärztin, Hebamme, Kinderarzt(-ärztin), ggf. Fachärzte, Logopäden sind wichtige Ansprechpersonen für die jungen Eltern. Oft machen die jungen Familien in dieser wichtigen und sehr sensiblen Phase die Erfahrung, dass das Vorhandensein einer Fremdsprache in der Familie übersehen, bzw. überhört wird, dass dieses Thema als unbequemes und an sich vielleicht sogar ungewolltes wahrgenommen wird.

Die oft in der Luft schwebende Problematik der Mehrsprachigkeit vertieft sich dann bei regelmäßigen Besuchen beim Kinderarzt zu regulären Untersuchungen des Kindes sowie bei vorgegebenen Impfterminen. Bei sog. U1 bis U9 soll der Entwicklungsstand des Kindes bis zu seinem 6. Lebensjahr überprüft werden, ja, mit Berücksichtigung der einen Sprache, die die Amtssprache des Landes ist. Die eigentliche Muttersprache des Kindes und die Familiensprache zugleich werden so oft außer Acht gelassen. Die Eltern mit ihrem Kind fühlen sich in solchen Fällen nicht wirklich verstanden, ihrer wahrer Identität beraubt und lediglich nur zum Teil wahrgenommen und dann so für den medizinischen Bedarf eingeschätzt. Die zweite Sprache, ggf. weitere Sprachen, die ebenfalls die Gesamtheit ihres Wesens ausmachen, werden so ausgeklammert und zahlreiche Kompetenzen, die oft daraus resultieren, wie z.B. meist stark ausgeprägte soziale Kompetenzen, Flexibilität, Kreativität, Offenheit der Kinder, werden nur zum Teil wahrgenommen, so dass das Gesamtergebnis der durchgeführten Untersuchung insgesamt eher schwach ausfällt. Bei der Vorschuluntersuchung wird das Problem besonders deutlich und die Diskrepanz noch extremer.

Was kann getan werden, um die Situation grundsätzlich zu verbessern? Um vorhandene Potenziale der Kinder und ihrer Familien, insbesondere bei Neuzugewanderten, präsenter zu machen und ihre uneingeschränkte weitere Entwicklung zu ermöglichen? Ja, mit Mehrwert für die gesamte Gesellschaft in Deutschland und Europa!

Das Gesundheitssystem im frühkindlichen Bereich stellt nur ein Beispiel dar, dass ein starker Bedarf vorliegt, die noch bis vor einiger Zeit gut funktionierende Modelle der deutschen Verwaltung zugunsten der modernen mehrsprachigen Gesellschaft so schnell wie möglich umzugestalten. Die einzelnen Communities machen dabei gern mit. Die Wissenschaft untermauert die Prozesse. Die Zeit für gelebte Mehrsprachigkeit ist gekommen!

Wer über die genaueren Inhalte des Fachtages nachlesen möchte, geben wir diesen Link gern weiter: https://www.facebook.com/events/1792189140818035/?active_tab=discussion und ermutigen damit zum bewussten und souveränen Umgang mit Eurer individuellen Mehrsprachigkeit! Es lohnt sich.Es lohnt sich dem Herzen zu folgen…

 

Agata Koch, Blogautorin, ist in Polen geboren, Germanistin, Sprachdozentin, Übersetzerin sowie Initiatorin und Koordinatorin des SprachCafés Polnisch als Modellkonzeptes lokaler sozialer Initiativen: www.sprachcafe-polnisch.org. Nach Studienjahren in Leipzig zog sie 1990 nach Berlin. Seit 2000 lebt sie mit ihrer Familie zusammen im grünen Norden der Großstadt, in Pankow. Gerade hier entdeckte sie ihre Vorliebe zur Fotografie sowie zu anderen visuellen Formen neu. In ihrem kreativen Alltag wird sie auch vom dichterischen und erzählerischen Wort begleitet. Beide Sprachen betrachtet sie als Inspiration füreinander. „Begegnungen sind wichtig“ heißt das Motto der vielen gelebten Jahre in anregender Vielfalt der Kulturen, Sprachen und Generationen. https://agakoch.wordpress.com/ Dieser Blog ist eine Ankündigung einer umfangreicheren Publikation. Austausch hierzu, Ideen und neue Anregungen sind gern willkommen! Kontakt: a.koch@sprachcafe-polnisch.org.