Antoanette und Giuseppe sind unsere neuen Nachbarn. Eigentlich sind wir jetzt ihre neuen Nachbarn. Antoanette wohnt im gleichen Haus. Sie ist Künstlerin. Gleich bei der Anmietung der Räume, an einen dunklen Dezemberabend, hat sie sich kurz vorgestellt und sofort gefragt, ob uns die Box draußen nicht stören würde. Was für eine Box meinte sie, habe ich gedacht und mit „Nein“ ihre Frage prompt beantwortet. Nein, sie störte uns nicht. Wirklich nicht. Erst mit der Zeit, als es heller wurde, habe ich und haben wir alle verstanden, was das auf sich hatte, Schritt für Schritt, immer mehr.

Eine genauere Vorstellung der Box und des damit zusammenhängenden Projektes, machte sich noch vor der Sommerpause möglich, Anfang Juli 2018 bei uns im SprachCafé. Auf reges Interesse in der Nachbarschaft ist die Einladung zu diesem Treffen gestoßen. Das hat uns sehr gefreut. Und gleichzeitig überrascht, aus wie vielen Perspektiven die Box an sich betrachtet werden kann, für was für ein Reservoir an Gesprächsstoff sie damit bietet: ein Work in Progress für eine ganze Community! Hin und wieder auch mehrsprachig.

Zu diesem Treffen wollte eigentlich auch noch Giuseppe kommen. Ihn haben wir an einem der ersten warmen Frühlingstage am Zaun kennengelernt. Er wollte wissen, was wir hier alles so machen, der Ort hat ihn anscheinend auch so schon von Weitem angesprochen, und er stellte sich uns als Künstler mit italienischen Wurzeln vor, genauer gesagt mit sizilianischen Wurzeln. Nett hörte sich sein Deutsch an. Giuseppe würde ein paar Straßen weiter, „hinter der Mauer“ wohnen. Er lud uns mit seiner Visitenkarte gleich auf seine Homepage ein, die dann beeindruckende Ausstellungsorte verriet. Wer von uns hätte schon mal an solch renommierte Orte für seine Bilder gedacht? Es hat uns also ein großer Künstler besucht, oder? Als ich im Gespräch Antoanettes Projekt erwähnte, konnte er daran gleich anknüpfen und berichtete, dass etliche Bilder von ihm eine direkte Anregung in der Box fanden: Collagen. Bin sehr gespannt, ob und wenn ja, dann was noch so alles in solchen Kontexten entstehen mag… Menschen schaffen Orte.

Seit einiger Zeit treffen wir uns in unserer Schreibwerkstatt. Antoanette bringt ihre visuelle Perspektive in die Prozesse inspirierend mit rein. Gerade werden neue Projekte für 2019 schon gemeinsam geschmiedet – als Ergebnisse der sich ergebenden Synergien. Antoanette findet hier wohl auch einen Raum, ihre Muttersprach mit ins Spiel zu bringen und den Genuss mit anderen Teilnehmer*innen zu teilen. Freiheit, Kreativität und Lebendigkeit schleichen abwechselnd durch die Räume… Und tun sooo gut. Gelebte Mehrsprachigkeit. Und Interkultur. Was sonst?

Seit unserer ersten Begegnung sagt sie ab und zu, sie wäre sehr erfreut, solche Nachbarn bekommen zu haben… Wir auch.

Seit September ist die Schulze übrigens auch ein Begegnunsort für italienisch-sprachige Familien, die auch einen großen Wert auf die zweisprachige Erziehung ihrer Kinder legen. Hier versuchen sie eine Balance zwischen Italienisch und Deutsch in ihrem Alltag und Familienleben zu finden. Auch für sie ist es nicht einfach, trotzdem erstrebenswert. Wir ziehen an einem Strang, es lohnt sich.

Übrigens: Die Italiener sind laut neuester Statistiken (2017) die stärkste Zuwanderungsgruppe in Pankow, gleich ihnen folgen die Polen! Und dann die USA-Amerikaner. Ein Ding!

 

Agata Koch, Blogautorin, ist in Polen geboren, Germanistin, Sprachdozentin, Übersetzerin sowie Initiatorin und Koordinatorin des SprachCafés Polnisch als Modellkonzeptes lokaler sozialer Initiativen: www.sprachcafe-polnisch.org. Nach Studienjahren in Leipzig zog sie 1990 nach Berlin. Seit 2000 lebt sie mit ihrer Familie zusammen im grünen Norden der Großstadt, in Pankow. Gerade hier entdeckte sie ihre Vorliebe zur Fotografie sowie zu anderen visuellen Formen neu. In ihrem kreativen Alltag wird sie auch vom dichterischen und erzählerischen Wort begleitet. Beide Sprachen betrachtet sie als Inspiration füreinander. „Begegnungen sind wichtig“ heißt das Motto der vielen gelebten Jahre in anregender Vielfalt der Kulturen, Sprachen und Generationen. https://agakoch.wordpress.com/ Dieser Blog ist eine Ankündigung einer umfangreicheren Publikation. Austausch hierzu, Ideen und neue Anregungen sind gern willkommen! Kontakt: a.koch@sprachcafe-polnisch.org.