In Js. Fall bestätigt sich die Theorie also, wie wichtig ist es, die Erstsprache richtig erworben zu haben, um weitere Sprachen erfolgreich zu erlernen. Wie ging das mit Js. Erstsprache? Und wie mit der Zweitsprache dann?
Ich habe mit J. immer auf Polnisch kommuniziert, ja einseitig: ich habe zu ihm in meiner Muttersprache gesprochen, bis heute tue ich das, konsequent, ohne jegliche Verunsicherung, mit starkem Gefühl, Polnisch gehört zu mir und es macht mich stark, darauf bin ich stolz. Erst jetzt mit zunehmendem Sprachbewusstsein gibt sich J. manchmal Mühe, auch Polnisch anzuwenden. Dann freue ich mich riesig!

Die Umgebungssprache war und ist Deutsch. Papas Muttersprache ist auch Deutsch, ein gepflegtes Deutsch, mit dem ansatzweise Berliner Akzent meist in lustigen Momenten, von ihm bewusst, liebevoll und mit Stolz verwendet. J. nimmt jedoch diese Sprachnuancen aktiv nicht wirklich mit.
An Js. Erziehung beteiligte sich auch seine Oma, meine Schwiegermutter, mit. Die gebürtige Berlinerin aus Pankow(hiesige Rarität also!) kennt jede Menge diverser Gedichte, Reime, Sprüche. Js. Gesellschaft weckte wohl ihre Kindheitserinnerungen. Das war eine wunderbare Gelegenheit, die deutsche Sprache und ihren Berliner Dialekt zu zelebrieren und mit deren Kostbarkeiten zu spielen, sie zu genießen. Auf diese Art und Weise ist wohl eine Brücke zwischen den Generationen gebaut worden, die bis heute hält. Was Besseres hätte uns denn widerfahren können?

Ich kann mich noch daran erinnern, J. als Kleinkind hatte aber noch eine andere Sprache verwendet. Seine richtig eigene wohl, als wenn sie ganz und gar von J. erfunden gewesen wäre! Meine Handnotizen von damals, heute im Fotoalbum auffindbar, bestehen aus einer langen Liste an Vokabeln, die eher, zumindest vom Laut her, an das Italienische erinnern würde! Hier sind einige Beispiele: raktiti /Traktor, Tambini /Straßenbahn, tanini /Tanne, hantini /Sandalen, aber auch kapitki /Socken, skarpetki, byń /Mond, księżyc,
Julians „Italienische“ ging irgendwann mal ins Deutsche über. Das Polnische wurde und wird von ihm nur sporadisch gesprochen, aber zunehmend bewusst und gewollt. Die letzte Zeit brachte sogar explizites Interesse am systematischen Lernen der Sprache, auch an Kultur und Landeskunde Polens. Leider ist der Alltag in der Zeit vor Abitur einfach zu überladen mit diversen Aufgaben: mit Lernen, mit Fahrschule, mit seiner ersten Freundin. Wird jemals noch mal eine günstigere Zeit dafür kommen? Ich drücke die Daumen.
Die Zeit des Reifens der jungen Charaktere und Persönlichkeiten birgt noch viele Geheimnisse in sich…

Ich hoffe, J. hat von seinen Nächsten das Gefühl mitbekommen, es sei alles richtig, was ihn in seiner Individualität ausmacht, inkl. Sprachkompetenzen, auch des quasi Italienischen… Übrigens: Unser Stammbaum hat auch einen italienischen Zweig…

 

Agata Koch, Blogautorin, ist in Polen geboren, Germanistin, Sprachdozentin, Übersetzerin sowie Initiatorin und Koordinatorin des SprachCafés Polnisch als Modellkonzeptes lokaler sozialer Initiativen: www.sprachcafe-polnisch.org. Nach Studienjahren in Leipzig zog sie 1990 nach Berlin. Seit 2000 lebt sie mit ihrer Familie zusammen im grünen Norden der Großstadt, in Pankow. Gerade hier entdeckte sie ihre Vorliebe zur Fotografie sowie zu anderen visuellen Formen neu. In ihrem kreativen Alltag wird sie auch vom dichterischen und erzählerischen Wort begleitet. Beide Sprachen betrachtet sie als Inspiration füreinander. „Begegnungen sind wichtig“ heißt das Motto der vielen gelebten Jahre in anregender Vielfalt der Kulturen, Sprachen und Generationen. https://agakoch.wordpress.com/ Dieser Blog ist eine Ankündigung einer umfangreicheren Publikation. Austausch hierzu, Ideen und neue Anregungen sind gern willkommen! Kontakt: a.koch@sprachcafe-polnisch.org.[/