…und wie ist das bei uns zu Hause mit der Zweisprachigkeit? Bald erreicht mein Sohn, J., seine Volljährigkeit. Die Tochter wurde gerade 14. Vor kurzem sagte J. zu mir, nachdem er von der Schule kam, leicht schmunzelnd, mit tiefer, allerdings im Ausdruck schüchterner Freude: „Mama, obwohl ich, weißt Du ja… kein perfektes Polnisch kann, bin ich dir so dankbar, dass Du mir es soweit beigebracht hast“. Ich spürte plötzlich überall Gänsehaut und wurde sprachlos… glücklich!

In den letzten Jahren habe ich irgendwie doch losgelassen, was die zweisprachige Kindererziehung betrifft. Vor Verzweiflung? Hm… Ich wusste, mehr, als ich bereits seit Jahren tue, kann ich nicht tun. Jedes Wort, jeder Vorschlag, jeder Versuch, noch etwas in diese Richtung zu bewegen, es noch besser machen zu wollen, wären einfach zu viel und würden eher ins Gegenteil schlagen. Obwohl ich jede Menge noch nicht ausprobierter und dabei aufregender Dinge auf Lager hätte… Hauptsächlich meine ich hier Begegnungen mit Menschen, die dieses Wissen als hohes Gut doch am besten transportieren würden. Und die große Sehnsucht danach, es einfach zu tun… Ja, irgendwann wird der Punkt erreicht, an dem es aber wirklich nicht mehr weiter geht… Dann bleibt nur Trauer. Und Hoffnung, dass es sich mal doch was als möglich erweist?

Nun kam eines Tages von J. diese Überraschung: Er wäre stolz darauf, auch Polnisch zu können! J. lernt in der Schule Englisch, das war ja die erste Fremdsprache, so ist es hier. Als zweite kam dann Spanisch, dann Französisch und Italienisch. Mit was für welcher Leichtigkeit Vokabeln gelernt werden! Auch der Grammatikstoff, es werden Bücher gelesen, Filme geguckt, etc. Es macht J. Spaß Zusammenhänge zwischen den Sprachen zu entdecken, mit Wortschöpfungen zu spielen, Inhalte feinfühlig auszudrücken, über Dinge zu lachen… Hätte J. etwa auch noch Lust Russisch zu ergründen? Einen gewissen Einblick in die Sprache ermöglichte ihm ein Schulfreund, der zweisprachig aufwächst und das Glück hat, Russisch als Fach in der Schule belegen zu können. Lehrer sind immer der Zündstoff im Fremdsprachenunterricht, jeder auf seine Weise. Unsere Kinder haben auch ihren Lieblingslehrer: spanischen Muttersprachler, Vertreter der jungen Generation moderner und mobiler Europäer*innen, einen äußerst kommunikativen und witzigen Menschen.
Auch Kurzreisen in diese Länder mit ihren Bildungsinhalten und mit dort geknüpften persönlichen Kontakten sorgen für weitere starke Lernmotivationen. Die Schule legt großen Wert darauf.
Jetzt hat J. auch eine Freundin. Sie ist der Meinung, es wäre wichtig, Sprachen zu beherrschen. „Wie viele Sprachen du sprichst, sooft mal bist du Mensch.“ – hat ja schon J.W. Goethe gesagt. Und jede Sprache möchte gelebt werden.
Welch ein Reichtum!
Welch eine stolze Mama! Die jedoch ihre eigene Muttersprache, die sie ihren Kindern weitergibt, und jede nächste gelernte Fremdsprache doch unterschiedlich zu gewichten weiß. Wisst Ihr, was ich meine…

 

Agata Koch, Blogautorin, ist in Polen geboren, Germanistin, Sprachdozentin, Übersetzerin sowie Initiatorin und Koordinatorin des SprachCafés Polnisch als Modellkonzeptes lokaler sozialer Initiativen: www.sprachcafe-polnisch.org. Nach Studienjahren in Leipzig zog sie 1990 nach Berlin. Seit 2000 lebt sie mit ihrer Familie zusammen im grünen Norden der Großstadt, in Pankow. Gerade hier entdeckte sie ihre Vorliebe zur Fotografie sowie zu anderen visuellen Formen neu. In ihrem kreativen Alltag wird sie auch vom dichterischen und erzählerischen Wort begleitet. Beide Sprachen betrachtet sie als Inspiration füreinander. „Begegnungen sind wichtig“ heißt das Motto der vielen gelebten Jahre in anregender Vielfalt der Kulturen, Sprachen und Generationen. https://agakoch.wordpress.com/ Dieser Blog ist eine Ankündigung einer umfangreicheren Publikation. Austausch hierzu, Ideen und neue Anregungen sind gern willkommen! Kontakt: a.koch@sprachcafe-polnisch.org.