Wenn ich heute an meine Schulzeit in der Volksrepublik Polen der 70-er und 80-er Jahre denke und an die damaligen Möglichkeiten, Sprachen zu lernen vergleiche! Wisst Ihr noch, wie es war? Die EMPiK-Läden mit ihren Lesesälen waren vielleicht die einzige Gelegenheit, lebendige Fremdsprachen zu erfahren, wenn auch nur in Schriftform. Gegen Personalausweis konnte man aktuelle fremdsprachige Zeitschriften und Tagespresse, auch die aus dem Westen, vorort kostenlos ausleihen und ihre Lektüre beim Glas Tee oder frisch aufgegossenem Kaffee genießen. Niemals später habe ich so viel journalistische Texte auf Deutsch gelesen und so viele bunte attraktive und phantasieanregende Modezeitschriften aus dem Westen durchgeblättert! Auch wenn diese Welt für uns nicht ganz greifbar war.
Die Sprachen zu sprechen, bzw. zu trainieren – dazu mangelte es an Möglichkeiten wirklich. Der eiserne Vorhang unterdrückte vorhandene private Kontakte zwischen Menschen über die Länder hinaus, es war nicht möglich neue zu initiieren. Gruppentourismus hatte jegliche Alleingänge unter Kontrolle. Wer solle denn mit wem kommunizieren?

Natürlich wurde in Schulen Russisch, und von den West-Sprachen meist Englisch, Deutsch und Französisch theoretisch unterrichtet. In den meisten Fällen ohne die Sprachen wirklich aktiv zu gebrauchen. Sprachschulen, in denen Berufstätige Sprachen abends gegen Kursgebühren lernen konnten, waren vielleicht ein wenig besser.
Radiosender waren oft das einzig Mögliche. Es qui-i-i-itschte dann immer, wenn man bestimmte Sender mit einem Drehrädchen seitlich am Radiogerät hoffnungsvoll aufzuspüren versuchte. Die Stimmen der Moderatoren verzogen sich in ihren Tönen karikaturistisch. So könnte man sich Kommunikation aus dem Weltall vorstellten?

Tja, daran erinnert sich nun kaum noch jemand. Die Technik von heute bietet makellose Qualität und unbegrenzte Auswahlmöglichkeiten des Lernstoffes, der Form, zu jeder Zeit und für Jedermann. Und zu jeder Sprache!

Die Stadt, in der wir leben, bietet dazu noch eine besondere Kulisse. In Berlin werden 132 Sprachen gesprochen! Hier leben echte Menschen, die diese Sprachen perfekt sprechen, weil sie ihnen in die Wiege gelegt wurde! Das sind Muttersprachler*innen oder Native-Speaker, die uns vorort behilflich sein können, diese Sprachen originalnahe zu beherrschen. Es ist ein absoluter Mehrwert für diese Stadt, oder? Nichts, wie mit dem Fremdsprachenlernen loslegen! Eine beliebte Lernform sind heute Tandems. Die jungen Generationen können vor allem davon profitieren. Die älteren auch, vor allem wenn das ihre eigene vergessene Muttersprache noch retten könnte?
Für die hier aufwachsenden jungen Polen soll es besonders leicht sein, den Kontakt zur ihrer natürlich gesprochenen Sprachen im direkten Nachbarland zu erleben und zu leben, in diese einzutauchen, sie zu pflegen, auch wenn das nur kurz an einem Wochenende möglich ist.

Agata Koch, Blogautorin, ist in Polen geboren, Germanistin, Sprachdozentin, Übersetzerin sowie Initiatorin und Koordinatorin des SprachCafés Polnisch als Modellkonzeptes lokaler sozialer Initiativen: www.sprachcafe-polnisch.org. Nach Studienjahren in Leipzig zog sie 1990 nach Berlin. Seit 2000 lebt sie mit ihrer Familie zusammen im grünen Norden der Großstadt, in Pankow. Gerade hier entdeckte sie ihre Vorliebe zur Fotografie sowie zu anderen visuellen Formen neu. In ihrem kreativen Alltag wird sie auch vom dichterischen und erzählerischen Wort begleitet. Beide Sprachen betrachtet sie als Inspiration füreinander. „Begegnungen sind wichtig“ heißt das Motto der vielen gelebten Jahre in anregender Vielfalt der Kulturen, Sprachen und Generationen. https://agakoch.wordpress.com/ Dieser Blog ist eine Ankündigung einer umfangreicheren Publikation. Austausch hierzu, Ideen und neue Anregungen sind gern willkommen! Kontakt: a.koch@sprachcafe-polnisch.org.